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Der Ausbilder als Problemlöser

von Stephan Möller

 

Wie jeden Morgen verläßt die Kolonne um 06.30 Uhr den Bauhof der Firma. Bereits im Bus fällt dem Vorarbeiter auf, daß Thomas, der Lehrling, ein bedrücktes Gesicht macht. Er denkt sich: "Der Junge hat mal wieder Liebeskummer."

Auf der Baustelle teilt er die Lehrlinge zur Arbeit ein. Thomas, der im allgemeinen als interessierter und eifriger Mitarbeiter bekannt ist, mault: "Immer muß ich dasselbe machen. Nie kann ich mal wirklich etwas Neues machen. So'n Scheiß!" Mit diesen Worten wendet er sich ab und geht hängenden Kopfes an die Arbeit.

Im Laufe des Vormittages stellt derVorarbeiter fest, daß Thomas nicht einen Bruchteil dessen gemacht hat, was ihm aufgetragen wurde. Zudem scheint die Arbeit eher lieblos erledigt.

Mittags nimmt er Thomas zur Seite und fragt: "Was ist los mit dir, so kenne ich dich gar nicht." Daraufhin erwidert Thomas: Ach, so'n Scheiß! Ich hatte gestern mal wieder Ärger mit den Alten. Daraufhin habe ich meine Klamotten gepackt und bin von Zuhause weg."

Auf die Frage, wo er übernachtet habe, antwortet er: "Im Schlafsack im Freien. Hab' kein Geld für Hotel oder Jugendherberge."

Jeder von uns wird mit solchen oder ähnlichen Schwierigkeiten in seinem Alltag konfrontiert:

  • Krankheiten,
  • Ärger im Unternehmen oder Zuhause,
  • Trauer und Abschiednehmen usw.

Für den Auszubildenden kommen aufgrund seiner spezifischen Situation gelegentlich noch weitere Probleme hinzu, mit denen er sich hilfesuchend an den Ausbilder wendet:

  • Schwierigkeiten mit der Umstellung von Schule auf Berufsausbildung,
  • Probleme mit der Integration in das bestehende Gefüge des GaLa-Bau-Unternehmens,
  • Probleme mit Eltern oder Freund/Freundin,
  • Ausgestaltung eines neuen Lebensabschnitts,
  • Ärger in der Berufsschule etc.

Oft stimulieren Schwierigkeiten die Kreativität eines jeden Einzelnen, so daß wir scheinbar von selbst auf die richtige Lösung kommen.

Bisweilen jedoch passiert es uns, daß wir die leidvolle Erfahrung machen, daß wir zu einer Lösung greifen, sie immer wieder unter verschiedenen Aspekten anwenden und dennoch scheitern. Die häufig verursachten, aber fehlgeschlagenen Lösungen führen in aller Regel zu weiteren, eskalierenden Schwierigkeiten und es entwickelt sich ein scheinbar unauflöslicher Teufelskreis. Dieser gesamte Kreislauf wird nun selbst zum Problem.

Teufelskreis Problementwicklung
Der Teufelskreis der Problementwicklung



Als Ausbilder bin ich dann erfolgreich, wenn mich meine Azubis um Rat fragen.

Wenn ich als Ausbilder nicht nur fachlich, sondern auch menschlich als Partner akzeptiert bin, werden sich die Auszubildenden in einer solchen Problemsituation an mich wenden, in der Hoffnung, daß sich dieser Teufelskreis auflöst.

Wenn dieser mit ihnen sein Problem bespricht, ist die Möglichkeit, durch Impulse oder Hinterfragungen zu erfolgversprechenden Lösungen zu gelangen, um ein Vielfaches höher.


Ratschläge sind auch Schläge


Die nachfolgende Aufstellung enthält eine Reihe von Fragen im Sinne der Problembeschreibung und Lösungsentwicklung, die darauf ausgerichtet sind, daß der Auszubildende sein Problem selbst löst und nicht mit "Rat-Schlägen" abgespeist wird.

Das Ergebnis wird vermutlich sein, daß der Auszubildende das Problem zunehmend klarer und strukturierter sehen wird, so daß der Zugang zu einer neuen Lösung wesentlich wahrscheinlicher wird.

1. Stufe: Problembeschreibung - Was geschieht wirklich?

  1. Wann trat das Problem erstmals auf? (Ganzheitliches Bild erfragen)
  2. In welcher Situation trat das Problem auf?
  3. Unter welchen Umständen?
  4. Wer hat das Problem zuerst benannt?
  5. Wer hat darauf reagiert?
  6. Wie hat er darauf reagiert?
  7. Wann trat/tritt das Problem schwach, mittel, stark auf?
  8. Wer ist davon betroffen?
  9. Welche Auswirkungen hat das Problem?
  10. Welches Bild, Metapher, Symbol fällt dir dazu ein?
    • je weniger der Betroffene ein Bild zu schildern vermag, desto wichtiger ist es (weil er mitten im Problem steckt)
    • ein Bild nimmt die Einfärbung der rational gestellten Fragen
  11. Was hast du bisher unternommen das Problem zu lösen?

2. Stufe: Ursachen

  1. Welches sind vermutete Ursachen für das Problem
    • bei mir,
    • bei anderen,
    • beim Kontext?
  2. Welches sind die wahrscheinlichen Ursachen?

3. Stufe: Veränderungs-/Lösungsfragen

  1. Wie sieht für dich die Lösung aus?
    V = Verhalten (Wie würdest du dich verhalten?)
    D = Denken (Wie würdest du dann denken?)
    F = Fühlen (Wie würdest du dann fühlen?)
  2. Wer würde merken, wenn du das Ziel erreichst?
  3. Wer würde wie reagieren?
  4. Wenn du dein Ziel erreichst, welcher Teil in dir würde am intensivsten reagieren?
  5. Was würde am Ziel anders sein?

Diese Fragen können dem Ausbilder dabei behilflich sein, dem Auszubildenden ein guter Partner bei der Bewältigung von Problemen zu sein, ohne dabei das Bestreben nach Förderung der Eigenständigkeit des Auszubildenden zu vernachlässigen.

Der Weg der Problemlösung ist dabei häufig steinig und von Rückschlägen begleitet. Dies fördert oftmals die Suche nach einem Rezept. Leider kann es ein solches Patentrezept nicht geben, aber die Fragen ermöglichen eine Beleuchtung des Problems, welches die Chance zur Lösung eröffnet. In dem Maße, wie ein Problem beschrieben werden kann, ist schon eine Lösung erkennbar. Folglich ist auch hier das Fingerspitzengefühl des Ausbilders gefordert, sich in die Erlebniswelt des Auszubildenden hinein zu fühlen und unter Achtung seiner Person Berater zu sein, nicht jedoch "Rat-Schläger". Der Auszubildende wird es ihm danken.

 

Erschienen in Ausbilder-INFO Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau, Heft 2/1996

 

 

 

 
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