|

Der Kunde als König
- oder von einem Verkäufer,
der auszog so zu handeln und
dabei das Fürchten lernte
von Stephan Möller
"Customer Service Excellence", "der Kunde
als Mittelpunkt", "der Kunde ist König" ... einige
dieser Sätze haben wohl alle im Verkauf schon einmal gehört
- und vermutlich haben Sie auch alle schon einmal Kunden gehabt, die gehörten
eigentlich auf den Mond geschossen.
Sie glauben an den König Kunden und möchten
in der Praxis so handeln? Sie haben Probleme damit? Sie fragen sich woran
das liegt? Nun, es liegt daran, das solche Sätze einen Appell beinhalten,
eine Aufforderung also, sich in dieser oder jener Weise zu verhalten.
Was jedoch meist fehlt, ist das "how to...", eine Hilfestellung
bei der Umsetzung, und so stehen wir gerade bei schwierigen Kunden oftmals
vor einem ernsten Problem.
So erging es auch dem Verkäufer in unserer folgenden
Geschichte:
Es war einmal nicht lang vor dem heutigen Tag, da begab
sich unser Verkäufer gut erholt und hoch motiviert nach einem sonnigen
Wochenende in seine Abteilung eines Baumarktes. Gerade hatte er begonnen,
mittels einer Wasserwaage die in Verpackung stehenden Glühbirnen
auszurichten, um das ästhetische Empfinden seines Warengruppenleiters
zu befriedigen. In Gedanken verweilte er noch im Wochenende, da holte
ihn mit ungeheurer Gewalt eine Stimme in das Hier und Jetzt zurück.
"Tauschen Sie mir sofort diese Glühbirne
um, die habe ich am Freitag hier erworben. Sie wollten gutes Geld und
ich gute Ware. Ersteres haben Sie bekommen, ich hingegen... (bedeutungsvolles
Schweigen)."
Noch etwas benommen von der Wucht dieses Vortrages entgegnete
unser Verkäufer: "Guten Tag, äh, es tut mir leid, aber
Glühbirnen sind grundsätzlich vom Umtausch ausgeschlossen."
"Ihre Grundsätze interessieren mich nicht.
Ich verlange Ersatz, und zwar sofort", meldete sich der Kunde,
um hinzuzufügen "und sollten Sie damit überfordert sein,
schicken Sie mir Ihren Vorgesetzten, mit Ihresgleichen verhandle ich doch
gar nicht."
Autsch, das saß. Erste Zweifel am Selbstwertgefühl
und an seiner Berufsidentität machten sich bei unserem Verkäufer
breit, und noch etwas breitete sich aus. Eine leise Wut auf diesen Kunden,
ganz ganz leise zwar, aber dennoch vorhanden.
Der Kunde ist König, der Kunde ist König, der
Kunde ist ... - mittels dieser Autosuggestion gelang es unserem Verkäufer
gute Miene zu Kundenspiel zu machen.
"Darf ich bitte den Kassenbon und die Glühbirne
einmal sehen?" fragte er mehr oder weniger freundlich lächelnd
den Kunden.
"Den Kassenbon habe ich nicht mehr."
Mit diesen Worten überreichte der Kunde unserem Verkäufer eine
Glühbirne in der Packung, die ganz deutlich das Preisschild eines
Mitbewerbers zeigte.
"Guten Tag, kann ich etwas für Sie tun?"
Mit diesen Worten erschien der Warengruppenleiter auf der Bildfläche.
Mit kurzen Worten informierte unser Verkäufer seinen Vorgesetzten
über den Sachverhalt und zeigte ihm die reklamierte Glühbirne.
"Mein Gott, stellen Sie sich doch nicht so stur und geben Sie
dem Herrn endlich eine neue Glühbirne" raunzte der Warengruppenleiter
seinen Mitarbeiter an, um dem Kunden zugewandt lächelnd festzustellen:
"Bei uns ist der Kunde König!"
Ja, und was bin ich eigentlich? fragte der Verkäufer
sich auf dem Weg durch die Regale.
Wie die Geschichte endet möchten Sie wissen? Wenn
unser Verkäufer nicht inzwischen an einem Herzinfarkt gestorben ist,
so laboriert er noch heute an seinem Magengeschwür.
Unstrittig ist, die Kundenorientierung ist heute einer
der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren - neben der Qualität und der
Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Stehen diese beiden Faktoren nun
in Konkurrenz zueinander? Müssen "kundenorientierte" Mitarbeiter
sich frustrieren lassen, ihr Selbstwertgefühl und ihre Persönlichkeit
täglich am Eingang des Unternehmens abgeben, über Tag ein Leben
als Menschen zweiter Klasse fristen (die Kunden sind natürlich Menschen
erster Klasse) um erst abends wieder mit Beginn des Feierabends in die
höhere Kaste aufzusteigen?
Die Antwort ist ein klares nein, und viele Unternehmen
tragen dem Rechnung, indem sie durch geeignete Weiterbildungsmaßnahmen
(Verkaufstraining, Konflikttraining usw.) ihre Mitarbeiter auf den "Ernstfall"
vorbereiten und indem sie die Vorgesetzten zum Coach Ihrer Mitarbeiter
entwickeln.
Die Frage ist, was können die Mitarbeiter selbst
tun, um in solchen Situationen wie eben beschrieben den Überblick
und die Freude an der Arbeit zu behalten?
Häufig erlebe ich gerade bei Verkäufern Reaktionen,
die sinngemäß etwa lauten: "So nicht mit mir...!"
oder "Oh je, was soll ich jetzt bloß machen?"
Während Reaktion 1 fast immer in einem Machtspiel
endet, endet Reaktion 2 für den Verkäufer häufig in der
Resignation. Beides ist unbefriedigend, denn:
Resigniert der Verkäufer, verliert er das Geschäft, gewinnt
er den Streit, verliert er den Kunden.
Beide oben genannten Reaktionen lassen darauf schließen,
daß der Verkäufer sich in seinem Selbstwertgefühl getroffen
fühlt. Für Kunden und Verkäufer ist es gleichermaßen
wichtig, unter Schonung des Selbstwertgefühls zu einem Konsens zu
kommen.
Als hilfreich in der Praxis haben sich für den Verkäufer
folgende Fragen erwiesen:
- Was ist der Appell des Kunden an mich?
- Was sagt der Kunde mir über sich selbst?
- Wie ist die Beziehung zwischen dem Kunden und mir?
- Was ist die sachliche Mitteilung, die der Kunde mir machen will?
Dieses Vorgehen basiert auf einem Kommunikationsmodell
von Herrn SCHULZ VON THUN und setzt als Grundidee voraus, daß jede
Botschaft immer Auskunft über diese Fragen gibt. Abgesehen von dem
Effekt, daß ich über diese Fragen mehr Klarheit und Handlungssicherheit
für meine eigene Reaktion bekomme, gibt es noch einen weiteren positiven
Nebeneffekt - Solange ich sachlich nachdenke, kann ich nicht emotional
reagieren, oder, um es mit VERA F. BIRKENBIHL zu sagen:
"Das Denkhirn triumphiert über das Reptilienhirn."
Sie glauben es nicht? Versuchen Sie doch einmal, auf
sachliche Fragen emotional zu antworten. Selbst wenn Sie zu den ganz hartgesottenen
Typen gehören, spätestens beim dritten Versuch müssen Sie
passen - und werden vernünftig antworten.
Vergessen Sie nicht, daß das Wort Vernunft aus
Vernehmen kommt. Vernünftig sind nur Menschen, die gelernt haben,
die Gedanken anderer in sich aufzunehmen, ohne gleich in Angst oder Verteidigungsstellung
abzugleiten.
In unserer Verkäufergeschichte heißt dies:
Machen Sie sich klar, der Kunde kann auch mit noch so persönlichen
Attacken Sie nicht wirklich meinen, er kennt Sie nicht. Vielmehr sind
es Versuche Sie auf die Palme zu treiben, auf der er selbst schon sitzt.
Schafft er es, sind sie beide Verlierer. Bleiben Sie sachlich, hat er
keine andere Möglichkeit als vernünftig nachzudenken. Er wird
Sie vielleicht nicht mögen, aber akzeptieren und respektieren.
Ach ja, und den Vorgesetzten in dieser Geschichte - den
gibt es natürlich nicht, und wenn doch, schicken Sie ihn zu einem
Führungsseminar.
Erschienen in Wir von Wirichs
- Firmen- und Mitarbeiterzeitschrift der Wirchs Baumärkte, Heft
1/1994
|